Die neue Generation im Schweizer Film verlangt mehr Raum
6. July 2026 · 5 Min. Lesezeit · Redaktion mediaphyx

Der Schweizer Film wird vielfältiger – nicht nur bei den Themen, sondern auch bei den Sprachen, Produktionsorten und Perspektiven. Eine jüngere Generation von Filmschaffenden arbeitet in einem Land, dessen kulturelle Identität nicht auf eine einzige Erzählung oder Sprachregion reduziert werden kann. Dadurch entstehen Filme, die zwischen Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch wechseln oder regionale Erfahrungen in einen grösseren gesellschaftlichen Zusammenhang stellen.
Mehrsprachigkeit als erzählerische Realität
Die Mehrsprachigkeit der Schweiz ist im Film zunächst eine praktische Herausforderung. Drehbücher, Besetzungen, Finanzierung und Auswertung müssen häufig mehrere Sprachräume berücksichtigen. Gleichzeitig bietet diese Struktur eine besondere erzählerische Möglichkeit: Figuren können ihre Zugehörigkeit, ihre Distanz oder ihre Unsicherheit auch durch den Wechsel der Sprache ausdrücken.
Mehrsprachige Produktionen sind dabei nicht automatisch repräsentativer. Entscheidend bleibt, ob die verschiedenen Sprachräume tatsächlich in die Handlung, die Figurenentwicklung und die Produktionsbedingungen einbezogen werden. Ein französischsprachiger, italienischsprachiger oder rätoromanischer Schauplatz sollte nicht lediglich als dekorative Kulisse dienen. Er gewinnt an Bedeutung, wenn lokale Lebensrealitäten, soziale Spannungen und regionale Stimmen ernst genommen werden.
Beobachtung: In jüngeren Schweizer Produktionen erscheinen Identität und Zugehörigkeit häufiger als offene Fragen. Figuren bewegen sich zwischen Familie, Arbeit, Herkunft und selbst gewählten Lebensentwürfen. Einordnung: Ob daraus eine dauerhaft neue Filmsprache entsteht, lässt sich erst im Rückblick beurteilen. Dafür braucht es mehrere Jahrgänge von Filmen und eine nachhaltige Präsenz im Kino, im Fernsehen und bei Festivals.
Regionale Produktion braucht Sichtbarkeit
Schweizer Film entsteht nicht nur in Zürich oder Genf. Auch die Romandie, das Tessin und die rätoromanisch geprägten Regionen bringen eigene Stoffe, Produktionsnetzwerke und filmische Perspektiven hervor. Förderstrukturen wie das Bundesamt für Kultur, die kantonalen Filmförderungen und die regionalen Fonds unterstützen Projekte aus unterschiedlichen Teilen des Landes. Die Schweizer Filmförderung ist dadurch eng mit der föderalen und mehrsprachigen Struktur des Landes verbunden.
Für junge Filmschaffende bleibt der Zugang zu diesen Strukturen dennoch anspruchsvoll. Ein überzeugendes Projekt braucht nicht nur eine künstlerische Idee, sondern auch ein tragfähiges Drehbuch, erfahrene Produktionspartner und eine realistische Planung. Regionale Verankerung kann dabei ein Vorteil sein, wenn sie Zugang zu Motiven, Teams und lokalen Geschichten ermöglicht. Sie kann aber auch zur Begrenzung werden, wenn Filme ausserhalb ihrer Herkunftsregion nur schwer wahrgenommen werden.
Die regionale Perspektive ist deshalb mehr als eine Frage des Produktionsortes. Sie betrifft auch die Frage, wer Geschichten erzählt und für welches Publikum sie entstehen. Ein Film aus dem Tessin, der in italienischer Sprache gedreht wurde, muss nicht zuerst als Sonderfall erklärt werden. Er kann Teil des Schweizer Kinos sein, ohne seine Eigenständigkeit zu verlieren.
Neue Rollenbilder vor und hinter der Kamera
Veränderungen zeigen sich auch in den Rollenbildern. Frauen und queere Figuren werden zunehmend nicht nur über familiäre oder romantische Beziehungen definiert. Sie erscheinen als Entscheidungsträgerinnen, Freundinnen, Künstler, Berufstätige, Jugendliche oder Menschen in politischen und sozialen Konflikten. Auch männliche Figuren werden häufiger verletzlich, widersprüchlich oder fürsorglich dargestellt, ohne dass diese Eigenschaften als Ausnahme erklärt werden müssen.
Diese Entwicklung bedeutet nicht, dass traditionelle Darstellungen verschwunden sind. Sie zeigt vielmehr, dass das Spektrum möglicher Figuren grösser wird. Moderne Rollenbilder entstehen nicht allein durch eine bestimmte Besetzung. Sie hängen ebenso davon ab, wer Drehbücher schreibt, Regie führt, produziert und über die Auswahl von Projekten entscheidet.
Filme wie Schwesterlein von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond, La ligne von Ursula Meier und Foudre von Carmen Jaquier stehen für unterschiedliche Formen des Schweizer Gegenwartsfilms. Sie behandeln familiäre Bindungen, soziale Erwartungen, Körper, Glauben und Selbstbestimmung auf jeweils eigene Weise. Aus einzelnen Werken lässt sich keine vollständige Entwicklung ableiten. Sie machen jedoch sichtbar, dass Schweizer Filme gegenwärtig eine breite Palette von Konflikten und Lebensentwürfen verhandeln.
Zwischen Nachwuchs und etablierten Strukturen
Die Bezeichnung «junge Generation» ist nicht eindeutig. Sie kann sich auf das Alter der Filmschaffenden, auf den Beginn ihrer Karriere oder auf neue Arbeitsweisen beziehen. Manche Regisseurinnen und Regisseure kommen über Filmhochschulen und Kurzfilme zum Spielfilm. Andere arbeiten zunächst im Dokumentarfilm, im Theater, in der Werbung oder in unabhängigen Kollektiven. Diese Wege lassen sich nicht auf ein einheitliches Modell reduzieren.
Eine zentrale Frage lautet daher, ob neue Stimmen dauerhaft Arbeitsmöglichkeiten erhalten. Einzelne Debüts oder Festivalerfolge reichen nicht aus, wenn danach keine weiteren Projekte realisiert werden können. Nachwuchsförderung muss auch langfristige Entwicklung ermöglichen: von der ersten Idee über das Drehbuch bis zur Veröffentlichung und zur Begegnung mit dem Publikum.
Was sich daraus ableiten lässt
- Die Mehrsprachigkeit der Schweiz ist eine strukturelle Bedingung des Filmemachens und kann zugleich eine eigenständige erzählerische Stärke sein.
- Regionale Produktionen erweitern den Blick auf das Land, benötigen aber Sichtbarkeit über ihre Herkunftsregion hinaus.
- Modernere Rollenbilder entstehen durch vielfältige Figuren und durch mehr Vielfalt in den kreativen und organisatorischen Teams.
- Die Förderung junger Filmschaffender muss Kontinuität ermöglichen, nicht nur einzelne Erstlingswerke hervorbringen.
Die neue Generation im Schweizer Film verlangt deshalb nicht nur mehr Raum auf der Leinwand. Sie verlangt auch Raum in den Produktionsstrukturen, in den Redaktionen, in den Jurys und in der öffentlichen Diskussion. Ob dieser Raum dauerhaft entsteht, hängt von Entscheidungen ab, die weit über einzelne Filme hinausreichen. Sicher ist jedoch: Die Zukunft des Schweizer Kinos wird dort besonders interessant, wo mehrere Sprachen, Regionen und Lebensentwürfe nicht gegeneinander ausgespielt, sondern gemeinsam erzählt werden.